Dörfle - Die Altstadt - Grafik Studio Harald Hirsch

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Dörfle - Die Altstadt

Dörfle  -  wo einst Klein-Karlsruhe stand

Radikal arbeiteten sich die Bagger und Baumaschinen vor, um diese erste Karlsruher Stadtrandsiedlung vollständig abzutragen. Sanieren heißt die Entschuldigung der Gegenwart, wenn man auf dieses Thema zu sprechen kommt. Es ist wohl die "Altstadt" geblieben, die hier in gewandelten Maßstäben mit hochstrebenden Baukolossen an die Stelle der biedermeierlich aufgeputzten Niedrighäuschen gesetzt worden ist. Anfangs siedelten, auf markgräfliches Geheiß hin und mit vielen Privilegien ausgestattet , Bauhandwerker und Tagelöhner an, die in jener Zeit nach 1720 gut bezahlte Arbeit vorfanden. Hintersassen waren sie, die an einem Wiesenstreifen längs des Landgrabens ihre modellmäßigen
Einfachbehausungen errichteten. Meist rot angestrichen und im holländischen Stil erbaut, liehen sie der Stadt sogar einmal den Beinamen einer "roten", obwohl man damals noch keineswegs von politischen Assoziationen gewußt hatte.

Wo einst diese typischen Mansardenhäuschen standen, Brunnen in den engen Höfen plätscherten, Kinder und Hunde ihr ungestörtes Tagesdasein verbringen durften, des Nachts nicht immer und überall die roten Lichter angingen, die Menschen in den engen und doch gemütlichen Quartieren des "Pfannenstiels" zwischen Durlacher Tor und Mendelssohnplatz sich heimisch und aufgehoben fühlten, da recken sich heute moderne, mehrstöckige Baugestalten empor, ganz dem Zweck von Wohnen und Geschäftigkeit unterworfen.

Der Charakter von idyllischer Ländlichkeit und patriarchalischer Zusammengehörigkeit der Dörfler als einer verschworenen Schicksalsgemeinschaft innerhalb der Stadtgrenze ging verloren. Unbarmherzig eilte die Zeit über dieses gelobte und gelästerte Stadtviertel hinweg. Biedermeier hat in der Neuzeit keinen Anspruch mehr auf Tradition ...

D ö r f l e

Das "Dörfle" - ja was ist das überhaupt? Kolportiert wird da seit jeher viel. Manche Alteingesessenen warnen noch heute ihre Heranwachsenden vor den "Gefahren" dieses Stadtteils. Das "Dörfle": Brutstätte und Heimstatt des Karlsruher Proletariats und allen erdenklichen Lasters. Stimmt das so uneingeschränkt, was verbirgt sich dahinter? Das Dörfle ist die "Altstadt" von Karlsruhe. Es liegt zwischen der Innenstadt, zu der es administrativ gehört, und der Oststadt, grob eingegrenzt von der Kaiserstraße im Norden, der Kriegsstraße im Süden, der Kapellenstraße im Osten und der Kreuzstraße im Westen. Historischer Ausgangspunkt für die Entstehung von "Klein Karlsruhe", wie das "Dörfle" auch genannt wird, war der Schlossbau. Hierzu strömten sowohl aus den gesamten süddeutschen Landen als auch aus Süditalien Wanderarbeiter in den lediglich durch Weiden unterbrochenen Hardtwald zwischen Schloss Gottesaue und dem Dorf Mühlburg. Im Laufe der Zeit nahm die Stadt Gestalt an, im Zentrum stand die Schlossanlage, von der sich fächerförmig die Straßen Richtung Süden ausbreiteten. Das geographische Ende bildete die sogenannte "Lange Straße", heute Kaiserstraße, mit dem Marktplatz als bürgerliches Zentrum. Während sich die mit Bürgerrechten ausgestatteten Bewohner in der neuen Stadt offiziell niederließen, errichteten die Arbeiter ihre eigene kleine Siedlung am südöstlichen Rand der neuen Residenz der Markgrafen von Durlach. Heute würde man dazu "Slum" oder "Favela" sagen, was damals aus der Not geboren wurde. Doch auch nach Fertigstellung der Kernstadt blieben die Menschen in ihren notdürftig aus Abfallholz errichteten Hütten und bauten diese weiter aus. Das "Dörfle" erhielt seine offizielle Legitimierung als Stadtteil erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, doch an eine Beseitigung dieses Fremdkörpers am Rande der schönen neuen Residenz war zu keinem Zeitpunkt zu denken. Hier brachte der Markgraf einen Großteil seiner Haustruppen im Bürgerquartier unter, hier ließen sich Handwerker und Gewerbetreibende nieder, ohne die letztendlich ein Fortbestand der Kernstadt undenkbar geworden wäre.
Allerdings entwickelte sich das "Dörfle" von Beginn an zu einem Magnet für die Unterschicht, die sozialen und hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, und manch andere Missstände leisteten der Entwicklung weiteren Vorschub.


Heute gibt es längst nicht mehr nur Tagelöhner und Handwerker, Soldaten und "liederliche Weibsbilder” in der Karlsruher Altstadt. Flair und Lebensart, aber auch gewaltige städtebauliche Eingriffe in die gewachsene Struktur des Viertels durch Abrisse und Neubauten sind das Ergebnis einer Jahrzehnte andauernden Sanierung. Diese fand mit der spektakulären Restaurierung des "Seilerhäuschens" (Kaiserstr. 47) 1998 – 2000 einen unerwarteten Höhepunkt und Abschluss.
Der westliche Teil des "Dörfles" jenseits der Fritz-Erler-Straße wurde Opfer einer der letzten großen Flächensanierungen in Deutschland, aber auch einer der ersten, bei der man wieder zur Blockrandbebauung zurückkehrte, statt Wohnblocks in Zeilenbauweise auch in innerstädtischen Lagen zu errichten wie andernorts. Hauptsächlich das Quartier zwischen Adlerstraße, Kaiserstraße und Kapellenstraße wurde in den 1960er und 1970er Jahren so grundlegend umgestaltet, die Fritz-Erler-Straße als neue autogerechte Verkehrsschneise durch das "Dörfle" geschlagen. Dazu mussten etwa 3500 Menschen umgesiedelt werden. Ab 1961 wurden den Altstadtbewohnern über ein Ersatzwohnungsprogramm Wohnungen in Oberreut, Durlach, Grünwinkel und Rintheim zugewiesen; Bürgerbeteiligung oder Öffentlichkeitsarbeit fanden bis 1968 de facto nicht statt.

Erst in der Folgezeit begann man, das Konzept der Flächensanierung aus kulturhistorischer, sozialer und städtebaulicher Sicht zunehmend kritischer zu diskutieren, doch die Folgen sind bis heute evident: Der flächensanierte Teil ist sozial gesehen "totsaniert", in städtebaulicher Hinsicht wurde ein Homunkulus erschaffen. Die Fluktuation ist hoch, manchenorts macht sich eine geisterhafte Stimmung breit. Der östliche Teil ist ansprechender, denn hier wurde auf Drängen der ansässigen Bürger kernsaniert. Die Straße "Am Künstlerhaus" ist heute jedem ein Begriff, und hier ist noch ein letzter Hauch alter "Dörfle-Atmosphäre" zu erhaschen.

Trotz allem ist die Anziehungskraft des "Dörfles" noch heute ungebrochen, Handwerker und Huren, Künstler und Studenten siedeln noch heute gerne im alten "Schmuddeleck" der Stadt Karlsruhe.
Rotlichtbezirk Brunnenstraße:
So begann die Geschichte der Bordellstraße


Die Brunnenstraße am 2. November 1977


Mit Pflanzenkübeln vor den Blicken von vorbei laufenden Passanten geschützt liegt beim Durlacher Tor das "Vergnügungsviertel" der Stadt. Die Brunnenstraße ist heute vor allem als Karlsruhes Rotlichtstraße bekannt. Wie kam es dazu und seit wann ist das so? Wir haben uns auf auf die Spurensuche in der Vergangenheit gemacht.
Die Brunnenstraße war eine der ersten Straßen in der ehemaligen Tagelöhnersiedlungn "Dörfle". Sie verläuft vom Durlacher Tor in südwestlicher Richtung bis zur Zähringerstraße, wo sie in die Straße 'Am Künstlerhaus' übergeht. Ihren Namen erhielt sie erst 1974, als die "Bronnengasse" nahe des Waldhornplatzes verschwand und der Name übernommen wurde.
Die Geschichte der Prostitution ist wahrscheinlich so alt wie die der Menschheit. Auch in Karlsruhe gab es die Prostitution schon vor den Laufhäusern und Bordellen. 1875 beschränkte die Karlsruher Polizei, die bis dahin noch über die gesamte Stadt verteilte Prostitution auf die Brunnen- und Spitalstraße.
Die Verlängerung der Straße in Richtung Südwesten wurde 1986 in "Am Künstlerhaus" umbenannt, da das Wohnviertel von der seit 1897 als Bordellgasse genutzten Brunnenstraße abgegrenzt werden sollte.
In der Veröffentlichung "Auf den Spuren der Karlsruher Frauen", beschreibt Olivia Hochstrasser die Entwicklung folgendermaßen: "Dass sich während des 19. Jahrhunderts das 'Dörfle' zum Bordellviertel Karlsruhes entwickelte, war jedoch kein zwangsläufiges Ergebnis aus den sozialen Problemen des Viertels.
Im 18. Jahrhundert hatte sich die 'gewerbsmäßige Unzucht' noch relativ offen auf die ganze Stadt verteilt."
Erst  seit Beginn des 19. Jahrhunderts versuche die Polizei, die "Dirnen" zu kontrollieren, ihr öffentliches Auftreten zu beschränken und "Kuppelei" zu verbieten.
Seit 1927 bundesweite Sperrbezirke
Im Zuge der zahlreichen Verordnungen gegen die Prostitution konzentrierte sich diese immer mehr in Klein-Karlsruhe: Ab 1875 durften daher offiziell eingeschriebene Prostituierte nur noch in der Querstraße (Fasanenstraße), der Brunnenstraße oder in der Spitalstraße wohnen, die schließlich bis 1897 zur reinen Bordellgasse geworden war. Laut Hochstrasser lebten und arbeiteten in den 16 Wohnhäusern über 50 Prostituierte. 1927 wurde bundesweit die Straßenprostitution auf Sperrbezirke begrenzt, in Karlsruhe auf einen Abschnitt der Brunnenstraße.
"Rue de la Quack-Quack"
In "Zur Geschichte des Karls­ru­her "Dörfle"" von Manfred Koch ist zu lesen, dass wenig später überlegte wurde, die 'Kleine Spital­straße', seit 1930 die Enten­gas­se
(im Volksmund "rue de la quack-quack"),
durch Tore abzusper­ren und die Prosti­tu­ier­ten praktisch zu kaser­nie­ren.
Laut Koch bemühten sich die Bewohner vor allem um die Wende zum 20. Jahrhun­dert erfolglos, durch Proteste und Petitionen Abhilfe zu schaffen. "Man sah sich belästigt durch ganze Gruppen von Männern, die nachts vor den Wohnungen der Dirnen herum­stan­den, durch randa­lierende Betrunkene,
durch Streitig­kei­ten zwischen Kunden und Dirnen, durch Ehefrauen, die ihre Männer suchten."
"Die sittliche Pest" sollte aus dem so dicht bevölker­ten Stadtteil entfernt werden. Die Stadt­ver­wal­tung befürch­tete jedoch durch eine Aufhebung des Sperr­be­zirks eine Ausbrei­tung des Übels über das ganze Stadt­ge­biet, so Koch.
Die Brunnenstraße am 24. August 1979
Die heutigen viergeschossigen Mietshäuser entstanden im 19. Jahrhundert aufgrund der zunehmenden Bevölkerungsdichte, früher standen dort eingeschossige Tagelöhnerhäuschen. Die Straße blieb vom Zweiten Weltkrieg verschont, jedoch wurden vor der Altstadtsanierung viele Häuser abgerissen. Sichtblenden sorgen heute an beiden Enden der Straße dafür, dass der hier konzentrierte Rotlichtbezirk vor allzu neugierigen Blicken geschützt ist.
Die Brunnenstraße 25. April 1979
Bewertung: 5.0/5
 
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