Karlsruhe in 167 alten Ansichtskarten - Grafik Studio Harald Hirsch

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Karlsruhe in 167 alten Ansichtskarten

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Verblichene Ansichten
Wie werrd dann mir’s a z’muth,
Isch deß a Karlsruh g’wiß?
I kenn gar nix meh gut,
Deß isch a Baradies.

Christoph Vorholz (1801-1865)

Noch keine 20 Jahre „jung“ erlebte Karlsruhe zur Jahrhundertwende den kolossalen Sprung von der behüteten, hinter Toren schlummernden, biedermeierhaft aufgeputzten großherzoglichen Residenz zur alle Grenzen des gefächerten Stadtbildes sprengenden Industriemetropole am mittleren Oberrhein. Ein Chronist von damals stellte fest: „Unsere Stadt hat sich durch die Gunst des Fürstenhauses und durch die Betriebsamkeit ihrer Bewohner in einer Weise entwickelt, daß sie heute vielen, um die Jahrhunderte ältere Schwestern ebenbürtig zur Seite steht, andere überflügelt hat.“
Rechtzeitig zu den bevorstehenden Jubiläumsfeierlichkeiten 1915 wurde jene Erfindung in die Welt gesetzt, die mit Hilfe gezeichneter oder auf Stein gedruckter „Korrespondenzkarten“ für eine weitverbreitete Publizität der Stadt und ihrer „schönen Stätten“ sorgten. Die Väter dieses blühenden Industriezweiges waren eifrig bemüht, mit einer Vielzahl von Möglichkeiten dieses Geschäft lukrativ auszustatten. Künstler wurden engagiert, die auf Papier und Glasplatte zu bannen hatten, was als sehenswert anerkannt wird. Verlage richteten sich ein, Tensi am Marktplatz, Hans Vogt, die Geschwister Moos, Veltens Lichtdruckverlag u. a., die mit „Gruß“ ihr Karlsruhe postkartenfähig machten. Karl Walz aus Durlach dachte dabei sehr international, als er 1906 auf eine Karte in sieben Sprachen das Wort „Weltpostkarte” drucken ließ. Der Johann Eichlepp’s Hofkunstverlag in Freiburg engagierte keinen geringeren als den damals sehr bekannten Schwarzwaldmaler Curt Liebich, um mit kolorierten Künstlerkarten in echte Konkurrenz treten zu können. Ein K.E.D.i.K. Genannter hat sich auf einer Karte aus dem Jahre 1905 gar Gedanken gemacht, wie sein Karlsruhe einmal in Zukunft aussehen würde.
So legen diese verblichenen Ansichten einer großen Stadt, vom einfachen Lichtdruck bis hin zur ausgereiften Photobildkarte, ein Stadium der Entwicklung vor, wie es kaum lebendiger in einem Geschichtsbuch in Worten wiedergegeben werden kann. Im Vergleich mit den Stätten von heute offenbaren sie den Wandel, den die Stadt mit ihren Gebäuden und Straßen durchstanden hat.
Karlsruhe, die weiland großherzogliche Residenz- und Landeshauptstadt, erscheint als liebenswürdige Erinnerung an jene Zeit, die man gerne als „goldene“ apostrophiert.

Karlsruhe, wie es damals war

„Mer weiß, daß so e Residenz wie Karlsruh muß was biete, drum duhn die Väter von der Schdadt ’s ganz Jahr uff Schteure brüte. Enn Fremder, wo von auße kommt, der muß in ei’m fort gucke, er kommt net aus emm Schtaune raus unn mir net aus emm Schukke. ..“
So setzt Fritz Romeo, alias Römhildt (1857-1933), seine Antwort auf viele Fragen, die damals um die Jahrhundertwende im Schwange waren. 1873 fielen die Schranken der Tore an der Karlstraße und nach Mühlburg hin. Der Schritt in die offene Landschaft wurde gewagt. 1874 wurde eine allgemeingültige Stadtordnung erlassen. Sie eröffnete den Boom einer ungehinderten Entfaltung. An der Spitze der Verwaltung standen Männer mit Weitblick, die Oberbürgermeister Wilhelm Florian Lauter (von 1871 bis 1892), Karl Schnetzler (von 1892-1906) und Dr. Karl Siegrist (von 1906-1919). Ein verständiger Landesfürst erwies sich zum gesonnenen Freund aller Bürger, Großherzog Friedrich I. (1826-1919). An seiner Seite zeigte viel Volkesnähe die Großherzogin Luise von Baden (1838-1923), aus preußischem Kaiserhaus. Ihnen folgten als letzte Regenten auf badischem Fürstenthron Friedrich II. (1857-1928) und Großherzogin Hilda (1864-1952).
Ihnen in der Gesamtheit als Obrigkeit von Stadt und Land sind eine Reihe von Bauschöpfungen zu verdanken, die architektonisches Zeugnis der Jahrhundertwende bilden. Vielfach fielen sie dem Zeitgeist aber auch den Bomben des letzten Krieges zum Opfer. Andere wieder wurden restauriert, so u. a. das Sammlungsgebäude an dem arkadengerahmten Friedrichsplatz, das Hauptpostgebäude, Schulen, Kirchen, Kasernen, Krankenhaus und so manches Palais und Bürgerhaus am Rand der Straßen. Denkmäler verließen ihre Standorte und säumen die Beiertheimer Allee. Die Häuserflut schob sich nach Westen hin zum Rhein, wo 1901 das erste Güterschiff in den Hafenanlagen einlief, nach Süden, wo der Hauptbahnhof 1913 eine Komponente zum Fürstenschloß am Hardtwald darstellte, nach Osten, wo Industrieanlagen heranwuchsen. Traditionsreiche Gemeinden am Rande der Stadt wurden angegliedert Mühlburg 1886, Beiertheim, Rintheim und Rüppurr 1907, Grünwinkel 1909, Daxlanden 1910. In Karlsruhe wohnten damals 134302 Menschen. Auch das künstlerische Leben war von Vielfalt geprägt. 1902 erhält die Technische Hochschule den Namen „Fridericiana“. Hans Thoma ist Direktor der Kunsthalle. Felix Mottel wird erster musikalischer Generaldirektor am Hoftheater.
Aus dieser Zeit erzählen die Ansichtspostkarten. Sie stimmen ein in die Jahre 1897 bis 1930. Manches Bild nimmt nicht mehr den Vergleich auf mit dem Heute. Die Kaiserstraße, die vor 1879 noch Lange Straße hieß, hat vieles von dem Glanz eingebüßt, der ihr mit den Jugendstilbauten übertragen wurde. Mittelpunkt des Gemeinwesens bildet nach wie vor der Marktplatz, die Schöpfung des genialen Städteplaners Weinbrenner. Im Betrachten dieser Bilder von gestern tauchen Erinnerungen auf an Stätten, die einst Geschichte machten und Gerüchte verbreiteten. Aus der Abhängigkeit von Fürstengunst und Obrigkeitsempfinden hat sich die Bürgerstadt in den demokratischen Zeiten emanzipiert. Den Weg dahin dokumentieren diese Bildpostkarten. Deshalb kommt ihnen der Wert einer historischen Urkunde zu. So wollen sie sich ja auch verstanden wissen, wenn sie Bericht geben von Karlsruhe, wie es damals war.

Bilddokumente von einst

Was die Ansichtspostkarten vorweisen, das sind meistens Bauwerke, die Kunde und Kenntnis vom architektonischen Kunstwillen der damaligen Zeit übermitteln. Schöpferischer Ausdruck also jener Männer, die am steten Fortschritt und ständigen Neugestalten wesentliche Anteile hatten. Friedrich Weinbrenner, der mit den Raum- und Maßverhältnissen glänzend operierende Oberbaudirektor, schuf das Grundkonzept der Residenzstadt. Er starb am 1. März 1826. Seine Liebe galt dem klassisch-römischen Baustil mit von Säulen getragenen Vorhallen und Giebelbauten. Die evangelische Stadtkirche ist hervorragendstes Beispiel dieser Bauweise. Sein Erbe in den Aufgaben der Monumentalarchitektur traten Heinrich Hübsch und Friedrich Eisenlohr an. Hübsch wandte sich dem byzantinischen altchristlich-romanischen Baustil zu. Er wurde 1846 Oberbaudirektor. Seine Hauptwerke in Karlsruhe sind u. a. der älteste Teil der Technischen Hochschule, die Kunsthalle, das Hoftheater, die Pflanzenhäuser des Botanischen Gartens, Friedrich Eisenlohr, Professor und Baumeister, schuf den Alten Bahnhof an der Kriegsstraße. Als er 1854 starb, trat vorerst ein Stillstand ein. Erst 1860 leitete Fr. Th. Fischer die Periode der Renaissance in ihren ersten Anfängen ein. Josef Berckmüller brachte diese Richtung zum Durchbruch mit der Gestaltung des Friedrichsplatzes und dem Gebäude der vereinigten Sammlungen. Hauptvertreter aber wurde Josef Durm. Von ihm ist im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts fast jedes wichtige Stadt- und Staatsgebäude geplant und ausgeführt worden. Das Vierordtbad, 1873, und die Festhalle, 1877, stehen am Anfang des Bauens und Schauens dieser Kunstrichtung. Immer wieder stellen Ansichtspostkarten diese Neuschöpfungen Durms der Öffentlichkeit vor, das Palais Prinz Max, das Erbgroß- herzogliche Palais. Erst in den 90er Jahren wird der Bann der historischen Stilarchitektur gebrochen. Karl Schäfer war leitend tätig, vor allem aber sein Schüler Friedrich Ratzel, von dem die reizvolle Brunnengruppe am Gutenbergplatz stammt und der 1900 das Kunstvereinsgebäude vollendete. Die freiere Richtung der Baukunst begründeten schließlich die Architekten Hermann Billing und das Team Cur- jel und Moser. Von Billing stammt die Hofapotheke an der Kaiserstraße sowie die einen Entrüstungssturm auslösende Brunnenanlage am Stephansplatz. Curjel und Moser vollendeten mit der 1900 fertiggestellten Christuskirche eine neue Grundkonzeption des Kirchenbaues. Stadtbaurat Strieder schuf den Komplex des Krankenhauses. L. Ziegler plante die Ladenstraße der Kaiser-Wilhelm-Passage. Alles Bauzeugen, die durch die Ansichtspostkarte einem weiten Kreis bekannt gemacht wurden. So wird eine Entwicklung in der planerischen Städtearchitektur auch vom Bild her mitgeprägt und bestimmt, von der die weitere Zukunft der Karlsruher Stadtlandschaft weitgehend abhängig war. Friedrich Ostendorf und August Stürzenacker hatten dann an diesem heimischen Lokalstil festgehalten, ihn fortgeführt und somit die Entfaltung der Hof- und Beamtenstadt Karlsruhe bis zu den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg beeinflußt.
Die in diese Sammlung aufgenommenen Ansichtspostkarten von Karlsruhe, wie es damals war, stammen aus dem Besitz von Alfred Sykora, Karlsbad; Richard Meinel, Stuttgart; Julius B. Lehnung, Pirmasens; Günther Löffler, Norbert Münkel und Heini W. Seith, Karlsruhe, sowie dem Gemeindearchiv Karlsruhe-Grötzingen und dem Stadtarchiv, Karlsruhe. Den Leihgebern wird auf diesem Wege recht herzlich gedankt.



 
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