Kleine Kirche - Grafik Studio Harald Hirsch

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Kleine Kirche

Kleine Kirche - ins Abseits gerückt

Unbeachtet, zurückgedrängt vom Dasein der Stadt, fast schon in Vergessenheit getaucht, erfaßbar in der Baugestalt, so steht an der östlichen Kaiserstraße dieses Kleinod der Baukunst des ausgehenden 18.Jahrhunderts. "Der fromme Sinn der kleinen reformierten Gemeinde, welche sich zu Karlsruhe gebildet hatte, besiegte alle Schwierigkeiten, die mit der Unternehmung eines solchen Baues für sie verbunden waren." So hält ein Städteführer aus dem Jahre 1815 den Grundgedanken dieses Gebäudes fest.

Der Platz wurde, dem damaligen Stadtplanungsgedanken gemäß, an der "Langen Straße" gewählt. Vom Kirchlein mit dem gedrungenen Turm ging der Blick hinüber zum Schloß. "Die Fassade errichtete der Baudirektor Jeremias W. Müller ganz massiv in Grötzinger Quadersteinen und dem alt-französischen Stil. Auf der Spitze des Turms prangt ein vergoldeter Fürstenhut zur Erinnerung an den teilnehmenden Schutz, den ein echt toleranter Regent dem Kirchenbau seiner reformierten Untertanen gewährte. ... Das Innere ist durchaus einfach, dem Kultus reformierter Glaubensgenossen angemessen."

Soweit der Originalton jener Zeit. Was aber überrascht, ist, daß - noch ehe jemand überhaupt von Ökumene, also der in Gang gesetzten Einigungsbewegung der christlichen Kirche gesprochen hatte - diese Kirche einen "Vorläufer" dieses Reformstrebens bildete. Ein lutherischer Fürst, also Markgraf Karl Friedrich von Baden, schenkte im Jahre 1801 den reformierten Glaubensgenossen, die auf Zwinglis und Calvins Lehrinhalte ein geschworen waren, die Uhr und dazu vier Glocken von der Kirche des katholischen Frauenklosters im Albtal. So läuteten also vom Turm dieses kleinen Kirchleins an der ostlichen Kaiserstraße katholisch geweihte Glocken, gestiftet von einem dem lutherischen Bekenntnis angehörenden Landesherrn, die reformierten Glaubensbrüder zu Gebet und Andacht: eine, wie ich meine, sehr bemerkenswerte Marginalie im Notizbuch unserer Fächerstadt.

Kleine Kirche

Unbeachtet - zurückgedrängt,
in die Vergessenheit versunken,
doch konkret faßbar ihre Baugestalt,
sich der Gegenwart nicht schämend,
so fristet die "Kleine  Kirche"
ihr stilles, geduldetes Dasein
abseits der hektisch flutenden
Großstadtstraße.
Gedrungen der klotzig ragende Turm,
einem Bürgerhut nachgebildet
der Helm des gewalmten Spitzdaches.
Wenig Wesentliches, das sich einbezieht
in die doppelbödige Gemeinsamkeit
geschäftig-geschäftlicher Nachbarn.
Keine stützenden, gewundenen Säulen,
keine schmückenden Kapitelle,
die Kunsthistoriker begeistern
und ihr denkmalschützende Pflege
angedeihen lassen können.
Nur eine stille, ernüchternde,
doch tief ergreifende Einfachheit,
lebendiger Atem, von Kraft und Maß genormt,
durch Würde und alltägliche Notwendigkeit
geadelt und einbezogen in den Lebenskreis
der Bürger, die zu ihr kommen,
dorthin die Sorgen des Tages zu tragen,
Eine Gestalt, von Leben umsäumt,
wie es dieser Stadt zu eigen.
                                           
                                           Heinz  Bischof

Bewertung: 5.0/5
 
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